Herbstwind – DIY

Dienstag 26 Mai, 2009

Vor dem Fenster des Cafés spielten sich ganz alltägliche Großstadtszenen ab. Menschen liefen im Eilschritt und mit gehetztem Blick vorüber, die vielen Autos stockten immer wieder im nicht enden wollenden Feierabendverkehr und auf der gegenüberliegenden Straßenseite wurden dem einbeinigen Bettler und seinem Schäferhund kaum Beachtung geschenkt. Schon seit über einer Stunde saß sie hier und wartete. Und wartete. Er kam einfach nicht.

Angelika:

Sie hatte sich nun schon den zweiten Cappuccino bestellt, doch er schmeckte ihr nicht.
Lustlos rührte sie darin herum und blickte wieder und wieder aus dem Fenster des Cafès. Immer noch keine Spur von ihm!
Aufeinmal bemerkte sie, dass der Bettler und sein Hund verschwunden waren. Ob er wohl eine Bleibe hatte?
Jeder neue Gast, der herein kam, brachte einen Schwall kühler Luft mit.
Katja fröstelte. Sie hatte heute morgen ihre neueste Errungenschaft, eine schwarze Spitzenbluse, angezogen. Ihre Kollegen hatten gesagt, sie sehe sexy darin aus.
Sie wollte sich schön für ihn machen! Und nun kam er nicht!
War ihm etwas Wichtiges dazwischen gekommen? Aber dann hätte er sie doch anrufen können. Nervös kramte sie in ihrer Umhängetasche herum und kontrollierte zum xten Mal, ob ihr Handy auch wirklich eingeschaltet war.
Oder hatte er inzwischen bereut, dass sie sich so schnell verabredet hatten? Schließlich hatten sie sich erst gestern bei ihrer Freundin kennengelernt.
Seufzend starrte sie in ihrer Tasse auf die unappetitlichen Ränder, die sich inzwischen gebildet hatten.
Plötzlich spürte sie eine Bewegung neben sich und als sie aufsah, schaute sie direkt in zwei blaue Augen, die sie fragend ansahen.
“Ist hier noch frei?”, fragte der blauäugige und streckte schon seine Hand nach der Stuhllehne aus. Verwirrt nickte Katja und musterte ihn verstohlen. Er trug einen schwarzen Rollkragenpulli, über den sich braunes Haar kräuselte. Unter den rechten Arm hielt er krampfhaft eine Aktentasche geklemmt.
Kaum hatte der Fremde Platz genommen, klingelte ein Handy. Katja war so in die Betrachtung des Fremden versunken, dass sie nicht gleich bemerkte, dass es ihr eigenes war.
Hektisch nestelte sie mit zitternden Fingern an ihrer Umhängetasche herum. Sie stellte sich dabei so ungeschickt an, dass die Tasche zu Boden fiel und der gesamte Inhalt dem Fremden vor die Füße kullerte.

Sie sieht das Herbstblatt wehen, durch die Straßen hier gehend, New York City im September, Sonnenstrahlen aufnehmend.
Auch ihre Haare verwehen auf den Schal, den sie trägt.
Es wird langsam frisch, denn es wird langsam spät.
Auch wenn sie langsam geht, verfliegt die Zeit rasch.
Wenn sie zwischen den Gedanken mal `nen Blick erhascht auf den Park, der den Rahmen ihres Tages erschafft, scheint ihr, als sähe sie die Nähe der anschleichenden Nacht.
Doch vielleicht lieg es daran, was sie fühlt, daran, was sie pausenlos sieht, wenn sie die Augen mal schließt.
Sie hat entschlossen, ihren Weg zu gehen, wegzugehen.
Die Last zurückzulassen für ein besseres Leben.
Hat geplant von Anfang an, klar von Anfang an.
Sie fängt schon bald nen neuen Anfang an.
Hat sich getrennt von den anderen, hat abgeschlossen mit noch offenen Versprechen und Erwartungen.
Sie hat sich alles so genau überlegt und zurechtgelegt und zu Recht gefreut über Chancen und Freuden auf diesem Weg.
Es ist Zukunft, um dies ihr letztlich geht.
Sie will sich selber erkennen, selber verwirklichen, hat selber gewählt, diesen Schritt zu tun.
Doch zurück in den Park.
Ihre Gedanken sind abwechselnd klar und schweifen dann ab.
Denn sie denkt an diesen Tag, dieses eine Mal, als sie ihn irgendwie auf einmal sah.
Warum muss Schicksal so hart sein?
Sie schmunzelt über sich selbst.
Warum kann alles nicht so simpel und geplant sein?
Es war doch nur, um noch mal raus zu gehen und unbeschwert ein letztes Mal die ganzen Leute zu sehen.
Hätte sie wissen können, was dann geschah, wäre sie zu Hause geblieben, Telefon ausgemacht, ins Bett und das war´s.
Zuerst war er unscheinbar.
Sie kamen sich irgendwie nah.
All ihre Leute waren grad vorn an ner Bar.
Es war schon spät, sie war schon leicht verdreht.
Es war ein nices Gespräch, frei von üblichen, oberflächlichen, faken Sätzen.
Wir können uns gern setzen.
Irgendwo zwischen den Sätzen fand man dann ein viel stilleres Plätzchen.
Es war so sanft wie das leiseste Plätschern, kaum zu bemerken wie langsam die Gletscher tauten, Eis wurde zu Bächen.
Die Zeit flog an den beiden vorüber.
Die nächsten Tage waren kurz wie Sekunden, dennoch inhaltsschwerer als Bücher.
Er war ihr Soul-Brother, Soul-Lover, nach ach so kurzer Zeit.
Doch sie muss gehen in nur so kurzer Zeit.
Den beiden blieb nur so kurze Zeit.
Auch wenn man weiß, dass es endet, die Verbindung im Bewusstsein bleibt.

Er sieht den Herbst beginnen vor den Fensterscheiben, draußen Buchenblätter seine Fenster streifen, drinnen seine Blicke weg vom Fenster schweifen.
Innen in ihm drin, Wind endlos kreisen.
Sie sprachen über die endlosen Weiten, über äußerlich und innerlich erlebtes Reisen.
Sie war, nein, sie ist für ihn wie Indien
So tief, so fern, so nah, so sehr Traum wie wahr.
Wie schön sie war, schön in ihrer Weise und Art.
Weise und zart.
Er spürt wie sich die Nacht ihm naht.
Denkt nach über das, was er sah, in ihrem Blick reflektiert sich sein eigenes Ich so klar.
Kann es sein, dass ich nicht Ich war, bevor ich dich traf?
Oder ist durch dein Fehlen die Leere sichtbarer?
Wie spät es jetzt wohl ist bei ihr?
Rechnet zurück, die Sonne spendet wohl noch Licht bei ihr.
Er hat seit Tagen von ihr nichts gehört.
Er weiß, sie sucht noch ne Wohnung, doch was ihn verwirrt ist, dass sie nicht schreibt, schon seit drei oder vier Tagen.
Drei oder vier Mal am Tag schrieb sie bisher ja.
Er macht sich selbst ganz verrückt, er lacht, zieht sich zurück von seinem Fensterplatz und lässt die Nacht draußen sein und in ihm drin.
Denn um ihn herum ist das Licht nur ganz leicht gedimmt.
Er sucht die Nähe von Musik in diesen einsamen Stunden.
Melodien kreisen ihn ein in ihren einsamen Runden.
Jedes ihrer Worte war Ton einer Symphonie, wie nie hat er Sinn alleine in dem Klingen einer Stimme gefunden.
Er kommt sich komisch vor bei dem ersten Akkord.
Glaubt er wirklich mit dem fadenden Klang fliegen die Schmerzen fort?
Doch er spielt wieder, schreibt ihr vier Lieder.
Die Harmonien spiegeln ihre Harmonie wieder.
Doch irgendwo ist die Spannung zu spüren, zwischen den leidenden Tönen deutlich dazwischen zu hören.
Der Konflikt, denn er traf sie nicht als Mann, der frei war.
Er traf sie als ein Mann, der zu Zweit war.
Und eigentlich war er glücklich und happy, gar nicht auf Baggern aus, Trucker Cappy mit T-Shirt und Baggy.
Doch wenn man sie trifft, die hinter die Dinge sieht, Fassaden und Mauern durchbricht, erkennt, was verborgen im Herzens-Inneren liegt!
Dann will man hilflos und willenlos sein, will sich verlieben.
Denn wenn nicht, stirbt ein Teil in einem.
Er teilt in einem Herzen Gefühle für zwei.
Kein Vor.
Kein Zurück.
Er drückt Play und schweigt.

Für die beiden ist der Herbst nur die Zeit, in der sie sich trafen und unbewusst und bewusst für die Sehnsucht entschieden haben.
In diesen Tagen, den letzten des Sommers, haben laue Winde bereits ganz leise geflüstert, was lauert, wenn sie verschwinden.
Die Kälte, die wir verbinden mit dem Herbst und auch Winter, ist die Kälte, die draußen herrscht und auch Einfluss nimmt auf das Innere.
Man wünscht sich dann intensiv, dass die Wärme weiterhin bleib, wenn die Angst vor Einsamkeit langsam einschleicht, die im Sommer schlief.
Sie denkt, der Grund aus dem er nicht schreibt, ist vielleicht banal wie Eis auf der Strasse und doch so tragisch zugleich.
Denn obwohl man weiß, dass es da ist, man wünscht sich, es wäre fort und zieht Tauwasserpfützen vor, wenn man dem Stürzen so nah ist.
Sie wagt nicht, zu sehr zu hoffen, doch auch nicht zu sehr zu zweifeln.
Befreit sich von seinem Einfluss, versucht für sich zu entscheiden.
Denn beinahe gäbe sie auf, was sie träumte nur um Gewissheit zu haben, gewiss zu erfahren, ob sie sein Seien nur träumte.
Immer weniger schafft sie, Leuten zu leugnen, dass jemand da ist.
Doch mit jedem Tag ist klarer für sie, dass es nicht mehr klar ist.
Was war es an diesem Mann, was sie heute noch fest umfasst?
Seine Nähe kann es nicht sein, seit drei Wochen schon kein Satz.
Er schweigt in sich selbst, genau wie zu ihr, er friert die Verbindung ein wohl um die Bindung zu konservieren.
Und erklärt sich selbst, dass er nötiger braucht in der kalten Zeit, was sein Geist gefiltert gespeichert hat, als was da ist, vielleicht.
Er schweift mit dem Blick vorbei an der Buche.
Ertappt sich selbst dabei, seltsamerweise überall Gleichnisse zu vermuten.
Er lächelt bei dem Gedanken, er sei wie der Mann da draußen, der die Schönheit all des Schnees ignoriert, um die Wege frei zu schaufeln.
Denn insgeheim will man Eis und liebt wie es glänzt, aber wenn man es hat wird es einem zu glatt, und es wird verdrängt.
Und genau das ist die Essenz, denn er sehnt sich nach Feuer, doch wenn es brennt, ist die Konsequenz ihm zu viel, er sehnt sich nach Vorher.
Sie spürt seine Zweifel intuitiv.
Doch die Fakten sind klar wie Winterhimmel:
Immer noch kein einziger Brief.
Sie entzieht ihrer Seele die Nähe, da durch die Lähmung des Wir-Gefühls auch Wirr-Gefühle entstehen.
Sie kann sich nicht weiter sehen in der Rolle der ständig Hoffenden, wird erneut zur Verschlossenen, auch wenn die Wunden offen sind.
Sie opfert sich nicht weiter für seine Launigkeiten auf, sie hört auf, auf ihn aufzubauen, da sein Fundament in der Wärme ihrer Hände taut.
Er vertraut zu sehr, dass sie wartet auf ihn.
Auf dass er sich klar wird.
Auf dass sein Wille ihr klar wird.
Auf das, was er sagen wird, auch wenn er es dadurch beendet.
Doch sie wartet jetzt nicht mehr.
Sie hat vor ihm für ihn beendet.
Er wird eines Tages vielleicht erkennen, was er gehen ließ.
Unschlüssigkeit als Trockenheit, die die Blume vergehen ließ.
Doch Orchideen haben zehn Leben und kein Gefühl ist umsonst.
Sie tritt raus in die lauten Straßen New Yorks und spürt, dass der Frühling kommt.

Das berühmte Tüpfelchen auf dem i

Donnerstag 21 Mai, 2009

rampenlicht

Das berühmte Tüpfelchen auf dem i …

…oder: Wie Erfolg zum Ende führt.

Jemand hat Erfolg. Ich bin es nicht. Wenn der Erfolg genau denjenigen heimsucht, den man eigentlich liebt, dann wird alles kompliziert. Eine Geschichte über Neid, Liebe und den Erfolg einer Zerrissenheit.

Er hat genau das, wonach ich seit Monaten suche. Sein Leben verläuft in geregelten Bahnen, meines dagegen ist täglich neu verwirrt. Ich bin täglich neu verwirrt. Vor ihm liegt eine sichere Zukunft, aber meine Pläne reichen nicht weiter als ein paar Stunden. Natürlich freue ich mich für ihn. Das macht man ja so, oder? Man freut sich für seine Lieben und gönnt ihnen das Beste vom Besten. Wenn man dabei selbst auf der Strecke bleibt ist das jedoch nicht einfach.

Geschichten und Anekdoten über das neue Highlight in seinem Leben. Neue Menschen, die nur er kennen lernen darf. Aufgaben, die er erledigen darf. Stunden jeden Tag, die er erleben darf. Pflichten, die er erfüllen muss. Probleme, die er gerne lösen will. Dagegen meine Einsamkeit, Langeweile, Hoffnungslosigkeit und Ziellosigkeit. Ich war nicht neidisch oder eifersüchtig. Ich war beides. Und das im höchsten Maße. Wie kann jemandem das Glück einfach so in den Schoß fallen und ich musste Tag für Tag dafür kämpfen? Wie konnte er nach einer winzigen Bemühung bekommen was er wollte und ich tappte noch immer im Dunkeln?

Nach den ersten Wochen wollte ich keine der Geschichten mehr hören. Ich fragte nicht mehr nach, wenn mir ein Name aus einer Anekdote fremd war und ich schreib keine Hab-einen-schönen-Tag-SMS mehr. Ich zeigte keinerlei Interesse an dem, was er Tag für Tag mindestens 8 Stunden lang erlebte. Ich fragte nicht danach und ich unterbrach ihn, wenn er begann zu erzählen. Im Gegenzug wollte ich aber auch nichts von meinem langweiligen und trostlosen Alltag erzählen. Im Vergleich zu seinem Leben sah es so nichtig aus. Ich traute mich nicht vor Mitternacht zu gähnen, denn ich hatte ja lange nicht so einen anstrengenden Tag gehabt wie er. Ich hatte diese Verpflichtungen nicht. Ich hatte aber auch nicht diese Zukunft vor mir. Keine Sicherheit.

Wochenlang würgte ich Erzählungen ab, spielte seine Karriere herunter und verschwieg meine knittrigen Bewerbungen, die mit einem Absageschreiben in den Briefkasten gestopft waren. Irgendwann redeten wir dann kaum noch. Bedrückendes Schweigen am Telefon, banale Gespräche ohne Blickkontakt, wenn wir zusammen waren. Worüber sollten wir auch reden? Ich erlebte so gut wie nichts und wollte nicht hören, was er erlebt hatte. Da blieb nicht viel übrig…

Eines Tages kam dann der erwartete Vorwurf. Ich würde mich nicht für das interessieren, was er machte. Ich wäre verschlossen und nur noch schlecht gelaunt. Das wäre der passende Zeitpunkt gewesen ihm von meiner inneren Zerrissenheit zu erzählen. Mein grenzenloser Neid, der mir die Freude über seinen Erfolg absolut verbaute. Ich hätte ihm davon erzählen könne, dass ich Zukunftsängste und finanzielle Probleme hatte. Ich hätte und hätte und hätte…

Leider war ich dazu nicht in der Lage. Eifersucht und Neid sind Gefühle und Zustände, die sich extrem schnell auf allerlei Lebensbereiche ausbreiten können. So kam es, dass ich neidisch war, weil ich nicht diejenige war, die das Thema angesprochen hatte. Ich war nicht so mutig wie er. Kein Erfolg, nichts als Neid und keinerlei Freude für den Erfolg desjenigen, den ich liebte. Und dazu kam dann auch noch die Unfähigkeit das zuzugeben. Also stritt ich alles ab. Wenn wir Frauen etwas können, dann Dinge abstreiten. Und Tatsachen verdrehen. Überzeugender als je zuvor begann ich ihm seine Fehler vorzuführen und ihm schwachsinnige Dinge an den Kopf zu werfen. In meiner Version war es nicht ich, die kein Interesse zeigte, sondern er, der verschlossen war und mir nichts erzählen wollte. Nach gefühlten 50 Streitereien, in denen ich natürlich nie erwähnte was ich wirklich fühlte, kam es dann zur Trennung. Und in meiner Welt war natürlich ich im Recht gewesen.

Nach einiger Zeit und einem geistigen Wachstum von etwa 7 Metern kann ich nun meine Fehler zugeben. Ich kann offen darüber sprechen, dass ich eifersüchtig war. Ich freue mich sogar manchmal über seinen Erfolg (und das nicht nur, weil man das so macht). Leider ist es zu spät, um an seinem Erfolg auf irgendeine Weise teilhaben zu können und ich musste einsehen, dass es zu einem nicht unbedingt kleinen Teil meine Schuld war. Es war nicht der einzige Trennungsgrund, aber ein Bestandteil und vielleicht sogar das Tüpfelchen auf dem i. Und ich war diejenige, die den Punkt über den Strich gesetzt hatte. Ein kurzes Aufsetzen des Stiftes auf dem Papier, aber doch so wichtig für das Verständnis. Ohne diesen Punkt hätte man es beim späteren Lesen vielleicht nicht verstanden und nicht daraus gelernt.

Der reiche Sonntag

Samstag 21 Mar, 2009

Der reiche Sonntag

Die kleine Rosalie saß auf dem Fußboden im Wohnzimmer. Der kratzige Teppich und das harte Holz darunter waren nicht sehr gemütlich. Sie stand auf und lief zu dem großen braunen Ledersessel in der Ecke des Raumes. Sie legt ihre Hand auf die Armlehne des klobigen Möbelstücks und ertastete die Nähte. Am Rand waren sie gerade und oben liefen sie einen Halbkreis, um die Rundung der Lehne zu formen. Rosalie schloss ihre Augen und fuhr mit ihren kleinen Fingern jeden einzelnen Stich der Nadel durch das Leder nach. Sie fühlte die winzigen Hügel und die Lücken dazwischen so intensiv, dass sie dachte, ihr Zeigefinger wäre ein Zug, der auf unebenen Schienen seine Strecke entlangfuhr. Doppelt genäht und so fein verarbeitet, dass sie schon bald den Zug in ihren Gedanken sehen konnte. Der Zug fuhr hoch und runter, von links nach rechts, um Kurven und in Bahnhöfe. Das glatte Leder war an manchen Stellen abgenutzt und rau, das Polster darunter war durchgesessen und an anderen Stellen weich und formbar. Aus den verschiedenen Beschaffenheiten des Materials formte Rosalie in ihren Gedanken eine wunderschöne Landschaft. Sie sah Hügel, Täler, wiesen und Felder. Ihr Zug fuhr darüber oder daran vorbei. Die Passagiere genossen die Aussicht und die Landschaft war so vielseitig, dass es für sie auf jeder Strecke etwas anderes zu sehen gab. Unter der Sitzfläche musste der Zug in einen Tunnel fahren, der für Rosalies Hand zu eng war. Sie öffnete die Augen und sah den Spalt enttäuscht an. Nun war der Zug weg und der glatte Untergrund verwandelte sich wieder in den alten Sessel. Enttäuscht betrachtete sie das Möbelstück und suchte nach der Landschaft und dem Zug. Nicht einmal die Schienen konnte sie noch erkennen. Sie seufze, drehte sich um und lief zum Fenster. Draußen war es grau, neblig und es dämmerte. Nur wenige Lichter leuchteten in den Fenstern der Nachbarn und Autos zählen lohnte sich auch nicht. Was sollte sie nur mit diesem tristen Sonntag anfangen? Sie war alleine in der Wohnung ihres Großvaters, denn er musste überraschend zur Arbeit. Nur ein paar Stunden hatte er gesagt, aber es kam ihr vor wie eine Ewigkeit. Ihr Opa hatte keinen Fernseher und das Radio war so alt, dass sie Angst hatte, sie würde einen der Knöpfe zerbrechen, wenn sie ihn anfasste. Die einzigen Geräusche in der Wohnung waren ihre Schritte auf dem alten Parkett, das Knarren der Bretter und das Ticken der Uhr an der Wand.

Sie stützte ihre Ellenbogen auf das Fensterbrett und legte ihre Wange in ihre Handfläche. Das Blatt der Topfpflanze kitzelte sie am Ohr und errang so ihre Aufmerksamkeit. Sie nahm das Blatt zwischen ihre Finger und rieb es. Die Oberseite war glatt und fühlte sich an, wie die gewachste Holzplatte ihrer Schmuckkiste. Ihr Daumen glitt an der Unterseite des Blattes entlang und streichelte vorsichtig die Adern des Blattes. Rosalie schloss wieder ihre Augen und strich erneut mit ihren Fingern das Blatt entlang. Ganz langsam strich ihr Zeigefinger den Blattrand entlang und kam schließlich am Stängel an. Sie umschloss den dünnen Stamm mit ihren Fingern und arbeitete sich langsam nach oben. In ihren Gedanken stieg sie eine Leiter hinauf, setzte einen Fuß auf jedes Blatt und gelang immer weiter nach oben. Jedes Blatt war eine Sprosse, das Ziel war von unten noch nicht zu erkennen. Plötzlich stand sie vor einer Abzweigung. Ein kleiner Ast zwang sie zu einer Entscheidung. Sollte sie auf ihrem Weg bleiben oder den neu entdeckten Weg gehen? Sie lief hin und her, und zögerte eine ganze Weile, bis sie schließlich entschied, auf dem gehabten Weg zu bleiben. Sie stieg die Leiter immer weiter und weiter hinauf, bis sie eine Pause machen wollte. Sie setzte sich auf ein Blatt, streckte ihre Beine nach vorne aus und schaute sich um. In dieser Höhe konnte sie schon sehr weit blicken. Die Aussicht war bezaubernd und sie sah die Sonne am Horizont untergehen. Sie badete im Licht des Augenblicks und fühlte die glatte Oberseite des Blattes unter ihren Händen, die sie hinter sich abgestützt hatte. Rosalie atmete tief ein und aus, winkelte ihr Bein an und stand schließlich wieder auf. Sie hatte noch einen weiten Weg vor sich und wollte ihr Ziel noch vor der Dunkelheit erreichen. Etwas erschöpft, aber mit der Blüte in den Gedanken, stieg sie weiter die Leiter hinauf. Sie kletterte weiter und weiter, verschnaufte ab und zu einen Moment lang auf einem Blatt und schaute sich immer wieder um. Je höher sie gelangte, desto faszinierender war die Aussicht. Kurz bevor die Sonne endgültig versank erreichte sie das erste Blütenblatt. Rosalie griff nach dem weißen, kräftigen Blatt und zog sich nach oben. Mit einem großen Ruck saß sie mitten in der Blüte. Weich wie Kissen waren die Blütenpollen, die von den Blättern in ihrem runden Bett gehalten wurden. Sie lehnte sich an den Rand und sah sich um. Die Sonne war kurz davor zu verschwinden und tauchte alles in ein sanftes, rotes Licht. Sogar die weiße Blüte schimmerte rosafarben und die Schatten der Blätter unten wurden immer dunkler, bis sie fast schwarz waren. Rosalie gähnte und sank in die gemütliche Mitte der Blüte. Langsam fielen ihre Augen zu und sie schlief ein. Die kleine Rosalie lag zusammengerollt auf der Blume und träumte selig.

Plötzlich wurde sie von einem lauten Schlag geweckt. Erschrocken sah sie sich um und stellte fest, dass sie noch immer auf Opas Fensterbrett lehnte. Ihre Hand lag auf der Blüte der Topfpflanze und die Uhr an der Wand schlug laut und bedrohlich zur vollen Stunde. Sie hatte das Geräusch schon vorhin, an einem der Bahnhöfe gehört, es aber als Ankündigung einer Ansage des Schaffners eingeordnet. Es war also noch immer dieser langweilige Sonntag im tiefsten Winter. Mittlerweile war es dunkel geworden und ihre Arme lagen kalt und schwer auf der Steinplatte am Fenster. Fröstelnd nahm sie die Hand von der Blume, die Arme vom Fensterbrett und ging ins Schlafzimmer ihres Großvaters. Eigentlich wollte sich Rosalie nur einen zusätzlichen Pullover holen, denn den Kamin durfte sie alleine nicht anheizen und ihr war etwas kalt.

Als sie durch das Esszimmer lief, blieb ihr Blick an der Foto wand hängen. Sie sah sich alle Bilder genau an. Ihr Großvater, als er noch jünger war und bene einem tollen alten Auto stand. Ihre Großmutter mit einem Kleinkind an der Hand, das vermutlich ihr Vater war. Ein kleines Familienfoto von den dreien, bevor Rosalies Großmutter verstorben war. Alle Bilder waren farblos. Nur schwarz und weiß, mit den verschiedensten Grautönen dazwischen. Die neueren Bilder, die auf denen auch Rosalie zu sehen war, waren farbig und in moderneren Rahmen. Sie stachen zwischen den grauen Bildern in den schweren Holzrahmen hervor und verbreiteten im Gesamtbild eine gewisse Unruhe. Lackierte Rahmen und Farbfotos zwischen den Jahrzehnte hängenden alten Fotografien passten einfach nicht dazu. Sie versuchte sich nur auf die alten Bilder zu konzentrieren und betrachtete noch einmal das Bild von ihrem Opa und dem Sportwagen. Das Auto war genauso grau, wie der junge Mann, der daneben stand, aber sie konnte erahnen, was für ein Prachtstück der Wagen zu der Zeit gewesen sein musste. In ihrer Phantasie erkannte sie die glänzenden Türgriffe, die eleganten Ledersitze und hörte sogar den Motor brummen. Ehe sie sich versah, saß sie auf dem Beifahrersitz und ihr Großvater legte ihr den Sicherheitsgurt an. Er sah aus wie immer und der junge Mann von dem Foto war in Sekunden um Jahre gealtert. Als sie an sich herunterblickte stellte sie fest, dass auch ihr roter Rock und der gelbe Pullover sich grau eingefärbt hatten. Sie betrachtete ihre Hände und Arme, die all ihre Farbe verloren hatten. Sie lehnte sich zur Seite, um sich im Außenspiegel des Sportwagens sehen zu können und erschrak vor ihren weißgrauen Haaren, die vor kurzem noch blond waren. Vom Spiegel nach links, glitt ihr Blick über das Armaturenbrett bis zum Lenkrad. Ihr Opa umfasste es fest mit seinen faltigen Händen und seine graue Haut glänzte im Sonnenlicht, das durch die Windschutzscheibe strahlte. Er wandte sein Gesicht zu mir und lächelte mich an. Sein graues Gesicht legte sich in noch tiefere Falten als er zuvor schon hatte und der Motor heulte auf.

Einige Sekunden später rasten Rosalie, ihr Großvater und der Sportwagen über eine weite Landstraße. Der Wind zog zu einem Fenster hinein und zum anderen wieder hinaus. Der starke Motor brummte laut und Rosalie wurde fest in den Sitz gedrückt. Sie sah ihren Großvater an, der sichtlich Freude am Fahren hatte. Er sah so zufrieden aus, dass auch in Rosalie eine angenehme Wärme aufstieg und sie sich entspannt in den Sitz sinken ließ. Vorhin hatte sie noch gefroren, aber jetzt, im Sportwagen ihres Opas, war ihr nicht mehr kalt. So fuhren sie über Landstraßen, Autobahnen, durch kleine Gassen und durch alle Städte, die Rosalie kannte. In ihrer Heimatstadt hielten sie einige Minuten an, um Rosalie ein Eis zu kaufen. Es war Sommer und sie liebte das Erdbeereis von Antonios Eisdiele. Dann stiegen sie wieder in den Flitzer und fuhren weiter. Rosalie bemerkte nicht, dass auch die farbenfrohe Stadt, die sie kannte, heute in Grautöne gehüllt war. Als sie das nächste Mal anhielten, um zu Tanken, lief Rosalie an den grauen Zapfsäulen vorbei und sah sich am Zaun des Nachbargrundstücks die Werbeplakate an. Sie las von Flohmärkten, Immobilienangeboten und entdeckte ein Plakat, dass ihr Interesse weckte. Diesen Sonntag war Jahrmarkt im Nachbarort. Ein Riesenrad, ein Karussell und ein buntes Lebkuchenherz mit Zuckerguss zierten das Plakat. Ein buntes Lebkuchenherz? Und das in ihrer grauen Phantasie? Sie spürte eine Hand auf ihrer Schulter und drehte sich schnell um. Ihr Opa beugte sich zu ihr herunter und sagte: „Ich bin wieder da Rosalie.“ Sie sah ihn überrascht an, denn er war plötzlich wieder farbig. Sein graues Gesicht war wieder zartrosa wie immer. Nur sein Bart war noch grau. Sein Hemd war dunkelgrün und seine braunen Lederschuhe blitzten unter den schwarzen Hosenbeinen hervor. Im Hintergrund erblickte sie nun auch wieder das Esszimmer der Wohnung, in der sie den ganzen Sonntag verbracht hatte. Ihr Großvater nahm sie an die Hand und führte sie ins Wohnzimmer. Er machte ein Feuer im Kamin, schaltete die kleine Lampe in der Ecke ein und setzte sich in den Ledersessel. Er hob Rosalie hoch und setzte sie in einer einzigen Bewegung auf seinen Schoß. „Tut mir leid, dass ich den ganzen tag weg war. Ich brauche das Geld dringend und muss hin und wieder einspringen, wenn ich meinen Job behalten will. Verstehst du das?“

„ Nein, Opa. Wofür brauchst du denn Geld?“ fragte Rosalie neugierig.

„ Ich muss so viel bezahlen. Die Wohnung, das Auto und das Essen – das alles kostet Geld, Rosalie.“ Erklärte er. Rosalie dachte eine Weile darüber nach und sah ihn dann fragend an. Sie sagte nichts, aber ihr Großvater sah ihr an, dass sie noch mehr wissen wollte. „ Nicht alle Menschen sind reich, Rosalie. Es gibt Menschen, die besitzen Häuser, mit so vielen Zimmern, dass sie am Abend nicht mehr wissen, in welches Bett sie sich legen sollen. Sie haben so viele tolle Autos, dass sie sich nicht entscheiden können, mit welchem sie fahren wollen. Sie haben so viel zu essen, dass sie jeden tag so viel wegwerfen, wie wir beide zusammen essen können. Doch so bin ich nicht, Rosalie.“, sagte er. Er sah sie freundlich an und Rosalie konnte sehen, wie erschöpft er von seiner Arbeit war. „ Ich muss hart arbeiten, um das zu kaufen, was ich zum Leben brauche. Ich habe diese kleine Wohnung, ein paar Möbel und mein kleines Auto. Ich habe jeden tag etwas zu essen und ich kann dir ein Eis kaufen, wann immer ich will. Damit bin ich zufrieden, Rosalie.“

„Aber Opa“, sagte Rosalie, „du hast doch viel mehr!“ sagte sie und sah ihn an, als hätte er einen Fehler gemacht. „Du hast eine Eisenbahn, die über ein weites Land fährt, eine riesige Blume, von deren Blüte aus man über das ganze Land schauen kann und du hast diesen tollen Wagen, der so schnell fährt, dass nicht einmal die Farben ihm hinterherkommen.“, zählte sie fröhlich auf. Der Großvater sah sie an und lächelte. „Du hast Recht, Rosalie. Wirklich reich sind diejenigen, die ein Herz voller Liebe haben und deren Träume von ihrer Phantasie bunt eingefärbt werden.“


Der Egoismus, das Forum Romanum und die Geheimnisse

Er sah mir tief in die Augen. Seine goldbraunen Augen blickten tief in meine Seele als er etwas Belangloses erzählte. In diesem Augenblick hörte er für eine Sekunde auf zu reden und sein Blick wurde noch tiefer. Er sah diesen verletzlichen Punkt in mir, den ich über Jahre verborgen gehalten hatte. Ob er ihn erschrecken würde? Und wenn er mich nun in einem ganz anderen Licht sah? Ich war nach außen hin immer die Starke, die Wortgewandte, die Fröhliche, die, die nichts aus der Bahn wirft und die sich von nichts unterkriegen lässt. Ein Fels in der Brandung mit unendlich vielen guten Ratschlägen, die ich an alle Freunde und Bekannte verteilen konnte, wenn sie Probleme hatten. Dass ich selbst ein einziges Problem war hatte bisher niemand entdeckt. Mein Leben war ein Trümmerhaufen und ich habe ein paar Scherben zusammengeklebt und etwas Neues daraus gebaut. Von diesem Trümmerhaufen hat niemand etwas mitbekommen. Ich habe meine Tränen weggewischt, mein Lächeln aufgesetzt und war die Starke, die nichts aus der Bahn wirft. Ich stecke schon seit Ewigkeiten voller Geheimnisse, die weder interessant noch spannend sind. Sie sind nur traurig, depressiv und schockierend. Aber all das hat niemals jemand mitbekommen. Nur er, mit seinem unglaublich tiefen Blick. Er hatte diesen schwarzen Fleck in meiner Seele entdeckt und sah ihn an, als wäre es ein Gemälde. Ob meine Seele abgesehen von dem schwarzen Fleck noch andere Farben hatte? Etwas rot und grün waren bestimmt auch dabei. Das grelle rot, in dem meine Seele einst strahlte war jedoch lange verblasst. Temperament, Emotionen und jede Art von Gefühlsregung wurden so lange unterdrückt, dass es schwierig war sie wieder auszugraben. Ich hatte jahrelang ein Loch gegraben, alles darin versteckt und es zugeschüttet. Außenrum eine hohe Mauer gebaut und alles gut bewacht von einer Armee aus weggewischten Tränen. Nun saß er da und starrte durch einen Spalt in der Mauer hinunter in das tiefe Loch. Und während er Stein für Stein aus meiner Mauer sog und verschwinden ließ, redete er immer weiter. Die vielen Soldaten hatten scheinbar ihren freien Tag, denn sein Eindringen in meine geheime Festung wurde von nichts aufgehalten. Was er wohl alles sehen konnte? Ging sein Blick so tief, dass er mich las, wie ein offenes Buch, oder war es ihm jetzt nur möglich Vermutungen anzustellen? Was er nur vermuten könnte? Scheinbar hatte er noch nichts entdeckt, was ihm die Sprache verschlug, denn er redete immer weiter. Ich schaffte es nicht, ihm aufmerksam zuzuhören, denn ich musste irgendwie meine Soldaten wecken. Wenn er es jetzt noch nicht geschafft hatte, etwas zu entdecken, so würde es aber sicherlich nicht mehr lange dauern. Ein Anfang wäre, den Blick abzuwenden, aber die Farbe und der Schimmer seiner Augen zogen mich in einen Bann. Ich wollte wegsehen und ihm dann endlich zuhören, aber es ging einfach nicht. Ich sah, wie sich seine Lippen bewegten und er hin und wieder Pausen machte. Sobald ich eine Pause erkennen konnte murmelte ich irgendeinen Ton, der ihm zeigen sollte, dass ich zuhöre. Er verstand diese Geräusche und redete weiter. Niemals wandte er seinen Blick ab. Er durchsuchte meine Gedanken, aber scheinbar konnte er nichts finden. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals, als er plötzlich eine Augenbraue hob und sein Blick sich veränderte. Er schaute mich skeptisch an und hörte auf zu reden. Das war die Gelegenheit, den Blick abzuwenden. Ich sah auf meine Hände, die völlig verkrampft und scheißnass in meinem Schoß lagen. Nun konnte ich auch wieder hören, was er sagte. Als ich ihn wieder ansah fragte er mich, wieso ich Tränen in den Augen hätte. Mist. Mir war das nicht aufgefallen, aber als eine einzelne Träne kitzelnd den Weg über meine Wange fand und schließlich von meinem Kinn tropfte, musste ich es wohl eingestehen. Aber was sollte ich antworten? Ich zögerte und es fühlte sich an, als würden Minuten vergehen. Ich sah wieder auf meine Hände, die ihre Position noch nicht verändert hatten. Obwohl ich ihn nicht ansah und niemand etwas sagte, spürte ich seinen Blick. Auch ohne direkten Blickkontakt verfehlte er seine Wirkung absolut nicht. Sofort stieg wieder eine unheimliche Wärme in mir auf und ich spürte die zweite Träne über meine Wange rollen. Ich erschrak und zuckte zusammen, als er seine große warme Hand auf meine legte. Der kalte Schweiß und die eisigen Fingerspitzen schienen ihn nicht zu stören und ich spürte sein Lächeln, als er sah, wie ich seine Hand anstarrte. Es war ein gutes Gefühl. Wenn ich mich schon verloren fühlte, so hatten in diesem Moment wenigstens meine Hände Halt gefunden. Es verstrich unendlich viel Zeit in dieser Stille, aber unter seiner Hand stand die Zeit still. Ich fühlte den sanften Druck und die Wärme, die nun langsam in meine Finger überging. Er konnte problemlos meine beiden Hände mit seiner komplett bedecken. Mein Herzschlag beruhigte sich langsam und es gab auch keine dritte Träne mehr. Ich hatte mich wieder unter Kontrolle. Oder war er es, der mich unter Kontrolle hatte? Schließlich hatte seine Hand mich beruhigt. Hatte ich ihm zusätzlich zu dem Einblick in meine Seele auch noch Macht über meine Gefühle gegeben? Ich sah ihn an. Als hätte er darauf gewartet, war sein Kopf in meine Richtung gewandt und seine goldbraunen Augen direkt auf meine fixiert. Mein Gesicht musste sehr ängstlich und verwirrt aussehen, denn er hatte einen bemitleidenden Gesichtsausdruck und drückte meine Hände fester, als ich ihn ansah. Noch immer war kein Wort gefallen. Ich dachte zuerst, ich hätte es nur wieder nicht gehört, aber sein Verhalten verriet mir, dass ich nun an der Reihe war, etwas zu sagen. Aber was? Ich hatte ihm die letzten Minuten überhaupt nicht zugehört, also musste ich mit einem neuen Thema beginnen. Ob ich mein seltsames Verhalten einfach übergehen konnte? Er erwartete wahrscheinlich eine Erklärung meiner Reaktion oder wenigstens einen Grund für die beiden Tränen, aber mir fiel nichts Passendes ein. Wieder kam es mir vor, als würden unzählige Minuten vergehen während wir schwiegen und uns ansahen. Da war er wieder. Der tiefe Blick. Die Soldaten waren noch immer nicht zum Dienst erschienen und die Mauer bröckelt immer weiter. Sie sah schon fast aus, wie die übrig gebliebenen Steine des Forum Romanum. Zu seinen Glanzzeiten, war es riesig und eindrucksvoll, aber heute war es nur noch ein Haufen alter Steine. Er hatte mit seinen Augen meine Festung in eine verfallene Ruine verwandelt und ich konnte nichts tun, als seinen Blick erwidern. Ich konnte nicht anders, als ihm den Weg zu meiner Seele frei zu machen. In dieser Sekunde gab ich auf, wofür ich jahrelang gekämpft hatte. Sollte er meine Gedanken lesen, meine Geheimnisse aufdecken und in den Tränen des großen schwarzen Flecks baden. Er wollte es so und ich konnte diesen Augen nichts verweigern. Ich schloss die Augen und ließ alle Muskeln locker. Meine Hände fielen unter seiner in sich zusammen und meine Schultern sackten nach unten, als fielen sie von einer Klippe. Es fühlte sich an, als schrumpfte ich einige Zentimeter in mich zusammen. Ich spürte die harte Stuhllehne an meinem Rücken, die Armlehnen an meinen Ellenbogen und den festen Parkettboden unter meinen Schuhen. Es war schwierig dieses Gefühl zu bewerten. Es hatte etwas Gutes, aber die Resignation warf einen negativen Schatten über die Erleichterung. Als ich die Augen wieder öffnete sah er mich noch immer an. Sein Blick war jedoch ganz anders. Es wunderte mich, wie schnell sich der Glanz in seinen Augen verändern konnte. Es war nichts kraftvolles oder energisches mehr darin zu sehen. Er wirkte nicht mehr suchend oder sehend, sondern traurig und etwas jämmerlich. Ich glaubte auch etwas Reue in den vorher so schimmernden Goldtönen zu sehen. „Bitte, sag doch etwas dazu.“ las ich ihm von den Lippen ab. Doch ich wusste nicht wozu ich etwas sagen sollte. Ich sah ihn fragend an und bemerkte die Enttäuschung in seinen Augen. Er wandte den Blick ab. Er hatte mich so lange angesehen, meine Tränen beobachtet und meine Seele erforscht und nun genügte eine fehlende Antwort, um ihn abzuschrecken? Meine Hände fühlten sich kalt an und als ich hinsah, bemerkte ich, dass er seine zurückgezogen hatte. Die Wärme und der sanfte Druck wirkten, als wäre sie noch auf meinen, aber alles was blieb, war meine angewärmte haut, die nun wieder unverhüllt in meinem Schoß lag. Die Kälte gewann den Kampf um meine Finger schnell und in Sekunden fühlte es sich an, als hätte es die große warme Decke nie gegeben. Mein Blick glitt über die Armlehne hinüber zu seinem Stuhl und suchte nach seiner Hand. Sie lag auf seinem Knie, aber war angespannt. Kurz davor, die Finger zu einer Faust zu ballen traten die Knöchel hervor. Er hatte mich noch immer nicht wieder angesehen. Er saß mit gesenktem Kopf, angespannten Händen und traurigem Gesichtsausdruck in seinem Stuhl und wirkte plötzlich so klein. Was auch immer mit ihm geschehen war, es war sicherlich meine Schuld. Er hatte in meiner Seele etwas entdeckt, was ihn traurig machte. Meine Narben aus der Vergangenheit und die vielen Geheimnisse, die nun offen dalagen, hatten etwas in ihm angerichtet. Ich hatte etwas in ihm angerichtet. Ich stotterte leise und vorsichtig ein „Tut mir leid.“ und plötzlich sah ich, wie sich seine Hände endgültig zu Fäusten ballten. Er sah mich mit Tränen in den Augen an. Ich konnte nicht unterscheiden, ob sein Blick voll Wut oder Enttäuschung war, aber er weckte Schuldgefühle. Es war kein tiefer Blick, denn er wandte ihn sehr schnell wieder ab. Er wirkte schamhaft und gekränkt. Was hatte ich nur angerichtet? Dass meine vielen versteckten Macken und Probleme, die Geheimnisse und die Altlasten erschreckend sein können wusste ich, aber er war schließlich derjenige gewesen, der die Festung eingerissen hat. Es war nicht meine Schuld, dass er nun diese Gefühle hatte. Ich konnte damit mittlerweile umgehen, aber er rannte freiwillig in die Dunkelheit, obwohl er dort scheinbar Angst hatte. Er stand auf, nahm seine Jacke und sah mich noch ein letztes Mal an.
„Wenn dir jemand seine Liebe gesteht, dann solltest du dir die Mühe machen und wenigstens zuhören.“ sagte er und verschwand.

Sonntagstanz

Freitag 6 Feb, 2009

Heute wollte ich eigentlich in den Waschsalon gehen.
Ich wollte eigentlich. Als ich dann meine Schuhe angezogen, ein nettes Buch in die Tasche gepackt und diese umghängt hatte und gerade den Ikea-Beutel (diese tolle riesige blaue Plastiktasche) mit der Dreckwäsche nehmen wollte, hinderte mich etwas daran. Irgendeine unbezwingbare Macht in meinem Inneren tat einen lauten Aufschrei, um diese Handlung zu verhindern.
Stattdessen ging ich zu meinem Schreibtisch öffnete die Schublade, deren Inhalt aus einem unübersichtlichen Wust aus alten Briefen, ausrangierten Geldbeuteln und allem möglichen anderen Krimskrams bestand, und wühlte aus ihren Tiefen einen Stadtplan hervor. Ich faltete dieses, oft sehr hilfreiche Stück abgegriffenes Papier auseinander und suchte dort nach all den Stellen Bambergs, die ich noch nicht erkundet hatte. Das mache ich nämlich wirklich gern, unbekannte Orte zu erkunden und all die kleinen feinen schönen Dinge zu entdecken, die sich dort verstecken.
Ich erinnerte mich daran, dass ich mir vorgenommen hatte einmal auf den Michelsberg zu steigen. Dort befindet sich ein altes Kloster, von dessen Aussichtsterassen man einen wunderschönen Blick über die ganze Umgebung haben sollte. “Ja. Genau das richtige für einen furchtbaren Sonntagabend, der schlimmer nicht mehr werden kann!”  Warum dieser Sonntag so furchtbar war?
Ich hatte gegen Mittag ein Buch von meinem Lieblingsautor zur Hand genommen und freute mich darauf mich, wie beim Lesen all seiner anderen Romane, in wunderbaren Träumen zu verlieren. Von dem Erzählten in einen unausweichlichen Sog gezogen zu werden, der einen bis zum letzten Wort gefangen nimmt und der mich veranlasst zu denken: “Verdammt, warum bin ich nicht imstande so etwas zu Papier zu bringen.” Ich begann also mit der Lektüre und ich bin wirklich auf alles vorbereitet, wenn ich anfange eines dieser Bücher zu lesen, aber nicht darauf mich in jedem Wort und zwischen jeder Zeile wiederzufinden und mich bis ins letzte Detail mit der Hauptperson identifizieren zu können.
Doch genau das passierte. Ich las das Buch ohne die kleinste Unterbrechung und als ich es zuschlug fühlte ich mich, wie ein kleiner Satellit, den man weit hinaus ins Weltall geschossen hatte und da trudelt er nun durch die Gegend, hat jeglichen Sinn für Orientierung verloren und wird dann auch noch von dieser unendlichen Weite überwältigt. Kurz gesagt, ich war am Ende. Das Buch war mit jedem Wort eine Offenbarung, wunderbar faszinierend und doch angsteinflößend. Ich wusste nicht mehr, wo mir der Kopf stand und ich begann hemmungslos zu heulen. Schlimmer als alle Schlosshunde zusammen.
In diesem Zustand kam ich auch noch auf die glorreiche Idee meinen Freund anzurufen und ihm vollkommen wirres Zeug zu erzählen. Ich fragte mich, wie ich jetzt weiterleben sollte. Für einen Moment, einen unendlichen Moment um genau zu sein, schien alles, was ich mir für mein Leben so zurechtgelegt hatte, wie eine geplatzte Seifenblase. Mit einem leisen ´Blubb` ist alles in einem düsteren Nichts verschwunden.
Daraufhin beschloss ich, ersteinmal in den Waschsalon zu gehen. Eine Tätigkeit, die meinen kleinen Satelliten bestimmt dazu bewegen würde wieder auf dieser Erde zu landen. Und es war immerhin eine Art von Plan. Gut, aber wie bereits gesagt wurde aus meinem Trip zum Waschsalon nichts, weil ich mich in letzter Sekunde für einen ganz anderen Ausflug entschied. Ich nahm also statt dem riesigen, schweren Ikea-Beutel mit meiner Dreckwäsche, nur meine abgenutzte Ledertasche zur Hand, stopfte den Stadtplan (den ich wahrscheinlich nicht brauchen werde, weil ich einen einigermaßen guten Orientierungssinn besitze, was auch nicht allzu schwer ist, wenn man als Ziel einen Berg mit einem Kloster darauf anpeilt, der die ganze Stadt überragt.), eine Strickjacke und Rauchutensilien hinein und los ging meine Wanderung. Ich zog aus, um etwas aus dem Nichts meines Lebens zurückzuholen.
Noch ziemlich benommen von all den Gefühlsausbrüchen, die ich kurz zuvor aufs intensivste in Form eines kleinen Satelliten durchlebt hatte, schlenderte ich von meiner wirklich idyllisch gelegenen Wohnung in Richtung Sandstraße, um von dort den Domberg zu besteigen. Das war übertrieben. Mit der Besteigung meinte ich eine in etwa 400m lange Straße zu begehen, die nicht unbedingt übermäßig steil ansteigt. Schon fand ich mich vor dem Bamberger Dom wieder.
Wie immer beim Anblick alter, mäßig bis sehr imposanter Gebäude, befiel mich ein seltsames Gefühl. Ich weiß nicht ganz genau, woraus sich dieses Gefühl zusammensetzt. Zu einem gewissen Teil ist es Ehrfurcht davor, dass Menschen imstande waren solche Bauwerke in einer Zeit zu errichten, als dies noch weit schwieriger war, als heutzutage. Denken wir nur an Notre Dame oder den Kölner Dom. Hunderte von Jahren wurden benötigt um solche Bauten Stück für Stück gen Himmel zu ziehen. Und waren sie scheinbar fertig musste schon wieder mit der Renovierung der davor errichteten Bereiche begonnen werden.
All diese Fakten und Geschichten über alte Gebäude faszinieren mich sehr. Eine weitere Gefühlsregung bei der Betrachtung solcher Bauwerke ist Sehnsucht. Sehnsucht nach einer Zeit als noch nicht alles möglichst windschnittig und abgefahren aussehen musste. Als die Baumaterialien noch gute alte Steine waren. Nicht Glas und Metall und, was weiß ich für moderner Scheiß. Sehnsucht nach einer Zeit als es noch kein Dubai gab und irgendwelche ehrgeizigen Vorhaben ein immer höheres höchstes Haus der Welt zu bauen.
Klar ist mir bewusst, wie die Lebensverhältnisse in den Jahrhunderten waren, als der Kölner Dom erbaut wurde. Dennoch empfinde ich es so, als hätten die Menschen damals noch versucht Höchstleistungen im Einklang mit der Natur zu vollbringen. Hinzu kommt, dass ich mir schon seit ich als Kind mehr oder weniger bewusst zu denken begann, wünsche, einmal in einer anderen Zeit zu leben. Noch besser wäre natürlich je einen Tag in jeder Zeit zu verleben, die einen wichtigen Platz in der Geschichte unserer Welt einnimmt. Hätte ich tatsächlich die Möglichkeit  so etwas zu tun könnte ich mich natürlich nicht entscheiden, zu welcher Zeit ich tatsächlich mal einen Tag leben möchte. Doch glücklicherweise werde ich diese Entscheidung höchstwahrscheinlich nie treffen müssen. Es sei denn in dieser modernen Welt aus Glas und Metall erfindet jemand eine Zeitmaschine…aber lassen wir das.
Nachdem ich mir einige mehr oder weniger interessante Gedanken dieser Art gemacht hatte riss ich mich vom scheinbar faszinierenden Anblick des Bamberger Doms los und folgte den Schildern Richtung Michelskloster. Ich besah mir die vielen schönen Häuschen am Straßenrand, freute mich über die Sonne und versuchte auszustrahlen, dass ich eine glückliche junge Frau bin, die allein einen wunderbaren Sonntagsspaziergang unternimmt.
An der zweiten Abzweigung Richtung Kloster bemerkte ich einen anderen, etwas kleineren Wegweiser, unterhalb des zum Kloster weisenden. Auf diesem stand in dicken schwarzen Großbuchstaben: Nervenklinik.
Meine “glückliche-junge-Frau-Sonntagsaura” fiel in sich zusammen. Mir schoss der Gedanke durch den Kopf, dass dies ein Zeichen sein könnte. War die Nervenklinik das, was ich eigentlich suchte? Das Ziel, das ich erreichen muss, bevor mich Dinge wie ein Buch nicht mehr vollkommen aus der Fassung bringen und ich so etwas lesen kann ohne den Sinn in Frage zu stellen? “Also jetzt langts aber wirklich”, wies ich mich innerlich zurecht und wischte eine kleine Träne aus meinem Augenwinkel. Plötzlich musste ich lachen. Ich freute mich unheimlich darüber, dass es mit mir selbst nie langweilig wird, meine Gedanken sind einfach zu köstlich.
Ich hatte mich somit dazu entschieden, dass ich nicht in eine Nervenklinik gehörte und setze mit einer fast echten “Sonntags-glückliche-junge-Frau-Aura” meinen Weg fort. Mein Unbehagen war etwas geschrumpft und etwas kehrte aus dem Nichts zurück, das man vielleicht als ein kleines Stück Realitätssinn bezeichnen könnte.
Kurz darauf durchschritt ich die Pforten des Klosters und meine erste Empfindung war: Enttäuschung. Nahezu der ganze Innenhof war mit Autos zugeparkt. Diese Enttäuschung wich einem “fast-Herzinfarkt-Schreck”, als ein ungeduldiger Fahrer mich bescheuert glotzende Frau aus der Mitte des Klostertores weghaben wollte, um rauszufahren. Ich besann mich darauf auszuweichen und ich besann mich auch darauf, dass ich wegen der Aussichtsterassen gekommen war und nicht um in einem idyllischen Klosterhof zu stehen ( der kein idyllischer Klosterhof ist ).
Ich bewegte mich in die Richtung, in der ich die Aussichtsplattformen vermutete. Ich kam an einem schönen italienischen Restaurant vorbei und wurde schmerzlich daran erinnert, dass ich aufgrund meiner intensiven Lektüre vollkommen vergessen hatte zu essen. Leider war ich total pleite und konnte mir keinen Restaurantbesuch leisten. Ich versuchte so schnell wie möglich aus dem Bereich zu entkommen, in dem die Luft schwer war von Düften, die die Künste der dort arbeitenden Köche erahnen ließen. Glücklicherweise wurde ich schon im nächsten Moment von dem atemberaubenden Panoramablick gefesselt, der sich Stück für Stück vor mir auftat. Je näher ich mich an die Brüstung der Terasse bewegte, desto mehr Schönheit offenbarte sich meinen Augen.
Vor mir lag Bamberg, umgeben von kleinen Bergen, um die sich erdrückend wirkende, fast schwarze Wolken rankten. Die Berge nahmen den Kampf der Gewitterwolken mit einer gleichgültigen Gelassenheit hin, als würde sie das alles nicht im geringsten berühren. Über mir hatte der Himmel eine aschgraue Färbung. Die Gewitterwolken würden ihn erst dann auch hier verdunkeln, wenn sie ihren Kampf an den Bergen ausgetragen hatten. Ein kleiner Anflug von Enttäuschung machte sich in mir breit, da ich mir wahrlich nicht den besten Tag, besser gesagt nicht das beste Wetter ausgesucht hatte um die Gegend von einer Aussichtsplattform zu betrachten. Als ich über mein Versagen, was die korrekte Planung eines solchen Ausfluges betrifft nachdachte, begannen in den Gewitterwolken erst vereinzelte, dann immer dichter aufeinander folgende Blitze zu zucken. Der Kampf um die Berge spitzte sich scheinbar zu. Im nahezu selben Augenblick brach die aschgraue Wolkendecke über mir auf, um ein strahlendes Abend-Sonnenlicht  über die Kulisse zu ergießen. Von einem Moment auf den nächsten war alles von einem fantasievollen Zauber belegt. Meine Enttäuschung wich einem Gefühl der Überwältigung. Direkt vor meinen Augen kämpfte das Gute gegen das Böse – das Licht gegen die Finsternis – auf atemberaubend schöne Art und Weise.
In melancholische Gefühle versunken betrachtete ich dieses Schauspiel bis es nach und nach begann sich aufzulösen. In mir regte sich Widerstand gegen das Verschwinden dieses Moments, doch mit einem Mal begriff ich, dass gerade das Ende einer Darbietung zeigt, wie viel positive Macht sie in sich trug. Hätte ich das Ende dieses Erlebnisses ohne Bedauern hinnehmen können, wäre es nicht zu etwas Unvergesslichem für mich geworden. So lies ich den Augenblick mit einem guten Gefühl ziehen und schlenderte langsam in Richtung eines Weges, von dem ich vermutete, dass er zur Stadt führt.
Ich holte meinen Mp3-Player aus der Tasche – praktisch ein überlebensnotwendiges Gerät, da es fähig ist all meine Lieblingsmusik abzuspielen – stöpselte mir die Kopfhörer in die Ohren und wie bestellt schoß genau das richtige Lied aus diesem kleinen Wunderding. Meine komplette Stimmung wurde von der Musik reflektiert und tausendfach verstärkt und so bewegte ich mich mit einem belebenden Gefühl aus himmel-hoch-jauchzend und zu-tode-betrübt weiter auf einem überwucherten Trampelpfad zwischen Obstbäumen und die Sonne gab noch einmal alles um den Weg in goldenes Licht zu tauchen.
Nach einiger Zeit befand ich mich wieder an einem bekannt Ort. In der Sandstraße. Noch war diese fast menschenleer und nur einige kaffeetrinkende Leute saßen vor den Lokalen bis die Straße am Abend, wie jeden Tag, zum Zentrum des Bamberger Nachtlebens werden würde. Junge Studenten und einsame Menschen älteren Semesters würden die Kneipen bevölkern und sich am Geschmack des goldgelben bis dunkelbraunen Bieres berauschen. Natürlich würde auch der Alkohol sein übriges tun.
Ich lief weiter richtung Fluss. Ich liebe Flüsse, sie sind ein Elixier des Lebens, immer ein Pol der Ruhe und Bewegung zugleich. Ich folgte seinem Strom ein Stück stadtauswärts bis ich mich dort auf einer der morschen alten Bänke niederließ. Ich folgte den sanften wogenden Bewegungen des Flusses und atmete die von ihm ausgehende Ruhe als wäre sie meine Luft zum leben. Ich ließ den Blick über die am gegenüberliegenden Ufer stehenden Bäume gleiten und da bemerkte ich flinke schwarze Schatten vorüberhuschen. Fledermäuse. Ich versuchte ihren raschen zickzack-artigen Bewegungen mit den Augen zu folgen und als mein Sehvermögen sich ihrer Geschwindigkeit angepasst hatte glaubte ich, dass sich die Tiere im Takt meiner Musik bewegten. Sie tanzten für mich. Sie tanzten durch die Luft und entschwanden immer wieder kurz meinem Blickfeld doch schnell waren sie wieder zurück, waren immer noch im Takt und tanzten.
Ich war tief berührt von dieser kleinen Aufführung und fühlte mich plötzlich eins mit meiner Umgebung. Ich erkannte, dass, auf welche Art auch immer, alles verbunden ist. Jedes Wesen hat seinen eigenen Platz in dieser Welt und doch ist niemand vollkommen allein. Würde man diese Verbindungen sehen wollen, man müsste jedes Wesen durch feine Linien mit allen anderen verknüpfen und aus dem Weltraum betrachtet, wäre die Erde von einem zarten leuchtenden Netz umspannt. Dieses Netz stünde niemals still, denn jedes Lebewesen bewegt sich, schreitet fort und tanzt durch sein Leben, wie die Fledermäuse in der Luft. Die Verbindungen verschieben sich, manchmal wird eine gekappt doch im selben Moment entsteht eine neue. Und immer tanzt jeder mit jedem den großen Tanz des Lebens. Dieser Gedanke befreite mich aus dem Tal der Bedeutungslosigkeit, in dem ich mich an diesem Tag gefangen glaubte.
Ich erhob mich von der Bank und wie ein kleines Kind mit schwingenden Armen hüpfte ich nach Hause. Ich tanzte meinem Leben entgegen.

© by textbrei-anja